Kommentar zu Jana aus Kassel

Am letzten Samstag gab es in Hannover eine Querdenker-Demo, bei der auch Jana aus Kassel aufgetreten ist und eine Rede gehalten hat. Zu Beginn hat sie sich mit Sophie Scholl verglichen, da sie ja seit Monaten im Widerstand ist und jetzt sogar Veranstaltungen anmeldet. Daraufhin hat ein Ordner seine Weste ihr abgeben wollen und hat klar gestellt, dass er das eine Verharmlosung des Holocaust und absoluten Quatsch findet. Sie geht danach von der Bühne und ist entrüstet. Kommt aber nach 10 Minuten wieder und fängt die gleiche Rede noch einmal an.

Die ganze Rede auf Youtube

Daraufhin gab es viele Reaktionen. Auf Youtube, von Heiko Maas und der Hashtag #janaauskassel rutschte auf Platz eins der deutschen Twitter-Liste (da ich nicht bei Twitter bin, muss ich das, was ich lese, glauben. Also dass es eine Chart-liste gibt und dass dieser Hashtag ganz oben war).

Nun zu meinem Kommentar:

  1. Es gibt so viele Argumente, die gegen ein Gleichsetzen der Situation von Jana und Sophie Scholl sprechen. Das war in meinen Augen ein Fehler, dies zu tun!
    Vergleiche mit Maximen sind oft eine sprachliche Methode, die Dialog verhindert und Polarisierung unterstützt. Ein gutes Video hierzu.
  2. Dass Hunderte und Tausende Menschen nun einen Shitstorm starten und sich jeder über Jana erhebt (und meint Beleidigungen seien der verdiente Lohn) ist auf einer anderen Ebene als genauso falsch zu bewerten.
  3. Mir fällt auf, dass wir weder gesellschaftliches noch institutionelle Werkzeuge haben, um so etwas vor der Eskalation in Griff zu bekommen. Natürlich gibt es Gesetze, die das an den Pranger stellen verbieten, aber soll jetzt jemand wie Jana einen Anwalt nehmen und jede kleine Beleidigung anzeigen? Außerdem ist meines Erachtens die schiere Anzahl der Twitter-Nachrichten eine Aussage.
    Es gibt ja einen Zeitpunkt, ab dem klar ist, was die Meinung der breiten Masse ist, ab dann ist es nur noch „Nachtreten“ und keine Nachricht (Nachricht als Information, die etwas Neues enthält) mehr. Hier sollte es immer mehr (es gab ein paar wenige, das ist schön) Tweets geben, die sagen „jetzt ist genug“.
    Wohl wissend, dass es ein gutes Augenmaß benötigt oder sogar unmöglich ist, wäre es schön, wenn auch eine unabhängige Institution solche Prozesse begleiten würde. Damit ein guter Weg aus Meinungsfreiheit, aber auch dem Recht des Einzelnen nicht beleidigt zu werden, entstehen kann.
  4. Jetzt komme ich zur Empathie. Ja, Jana hat einen Fehler gemacht. Aber die Reaktion dürfte sie wirklich stark treffen und das über ein gesundes Maß hinaus. Einen Shitstorm miterleben zu müssen, der von so vielen Menschen getragen wird, ist kein Spaß. Wer kümmert sich eigentlich um sie? Hier würde ich mir eine Institution wünschen, die sich in solchen Fällen um sie kümmert, sie juristisch berät und ihr psychologisch/menschlich beisteht.
  5. Die Sache mit der Verantwortung. Wer von den Twitternutzern, die auf Jana einklopfen, übernimmt eigentlich Verantwortung? Sollte nicht jeder offen dafür sein eine ernsthafte Diskussion zu führen und nicht nur ein Kommentar in die Welt zu twittern, bei dem man in der Regel weiß, dass es zu viele Kommentare gibt, als dass man in einen differenzierten Dialog gehen muss oder sogar für sein Geschriebenes grade stehen muss?
    Rechtlich kenne ich mich nicht aus, ob man alle Beleidigungen eines Hashtags gleichzeitig anzeigen kann. Bürokratisch ist das ja ein Monster. Herrscht eigentlich Klarnamenpflicht bei Twitter, dass wenigstens die blödesten Kommentare angezeigt werden können (oder ist geklärt, dass hier die Provider in der Pflicht sind. Ich erinnere mich da an die Politikerin von den Grünen….)
  6. Ein Satz am Rande: Natürlich ist mein persönliches Thema, dass ich es nicht gut finde, dass Google und Twitter hier die Hauptmedien für deutsche Meinungsbildung sind. Mittlerweile twittern viele Politiker in der Gegend herum, anstatt offizielle Wege zu gehen oder wenigstens Mastodon zu verwenden. Wenn alle Pressemenschen, Politiker, Politik-Interessierte bei Mastodon oder Gnu-Social (o. Ä.) wären, dann wäre hier umgehend eine kritische Masse.
  7. Noch ein Satz am Rande: Sollten nicht wenigstens Journalisten (beispielsweise der Rheinpfalz) so etwas wie den letzten Satz nochmal überdenken?

Ist es nicht Zeit, trotz oder gerade wegen der Möglichkeiten der neuen Medien auf Augenmaß zu achten? Fehler als Fehler und nicht als Grundlage für einen sich selbst erhebenden Shitstorm anzusehen. Der Ordner hat es richtig gemacht, der hat sein Kommentar an den richtigen Adressaten gerichtet, nämlich an sie und er steht dafür grade. Theoretisch können die sich hinterher treffen und reden.

Oder möchten wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder, der Fehler in den Augen der Meinung der Online-Massen macht an den Online-Pranger gestellt werden darf?

Dies ist ein Kommentar, der meine Meinung wiedergibt. Ich möchte in diesem Artikel keine Haltung zu Corona-Diskussionen einnehmen und wünsche mir sachliche Kommentare.

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